ZUR GESCHICHTE DER STUMM-ORGEL

IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN SELZEN

 

Nach dem im Jahre 1740 begonnenen Neubau des barocken Kirchenschiffes der Evangelischen Kirche in Selzen, der mit der Einweihung im Jahre 1748 abgeschlossen wurde, vergingen mehr als 40 Jahre, bis am 6. März 1791 erstmals eine Orgel den Gottesdienst begleitete. Bis dahin war es der reformierten Kirchengemeinde Selzen, wohl auch infolge der Wirren des siebenjährigen Krieges (1756-1763), nicht möglich gewesen, die finanziellen Lasten eines Orgelneubaus zu tragen.

 

Erst eine testamentarische Stiftung (1770 / 1786) der kinderlos gebliebenen Eheleute Johann Jakob Waadt (Köngernheim) und seiner Frau Elisabeth geb. Lingelbach (Selzen) machte die Anschaffung einer Orgel möglich.


Im barocken Orgelprospekt ist diese Stiftung durch die Namensnennung (Jak.Wādt Stifter) an deutlich sichtbarer Stelle verewigt.


Es lag nahe, den Auftrag zum Orgelneubau der bereits seit 1715 in mehreren Dynastien tätigen renommierten Orgelbauwerkstatt Stumm mit Sitz in Rhaunen-Sulzbach/Hunsrück zu erteilen. Diese Werkstatt war für die Qualität ihrer Arbeiten weit über den Hunsrücker Bereich  hinaus bekannt. Sie hatte damals bereits zahlreiche Orgelneubauten auch in Rheinhessen angefertigt, so u.a. in Alzey, Bechtolsheim, Osthofen, Mettenheim und Gau-Odernheim.

 

Der schließlich im Jahre 1787 durch die Kirchengemeinde erfolgte Auftrag zum Orgelneubau erreichte die in der dritten Generation tätigen Vettern Philipp und Franz Stumm. Sie errichteten die Orgel auf der Empore der Kirche in barockem Orgelprospekt, einmanualig, mit Pedal und 17 Registern, also einer großen Palette an Klangfarben: von weichen Streicher- und Flötenklängen über die orgeltypischen Principale und Mixturen bis hin zu schmetternden Trompeten. Die sechs Dynastien umfassende Werkstatt Stumm stand damals in ihrer höchsten Blüte, was sich auch in der filigranen Ausführung technischer Details und dem kunstvoll gearbeiteten Gehäuse niederschlug.

 

Die besondere kulturhistorische Bedeutung der Selzer Stumm-Orgel besteht darin, dass sie bis heute von späteren Veränderungen oder in die Substanz eingreifenden Restaurierungen weitgehend verschont geblieben ist. So hat sie ihre wertvollen Frontpfeifen, die 1917 andernorts zu Rüstungszwecken eingezogen wurden, behalten können. Auch die zuletzt im Jahre 1974 erfolgte größere Restaurierung hat die historische Substanz der Orgel nahezu unberührt gelassen.


Seit einiger Zeit ist festzustellen, dass die Orgel erhebliche technische und musikalische Qualitätsmängel aufweist, die zeitweise zur Unspielbarkeit führen. Nach sachverständigem Urteil beruht dies neben anderen Ursachen vor allem auf Rissbildungen in den Windladen. Auch fehlt die Unterstützung durch die ehemals vorhandenen großen Bälge, die „Lunge“ der Orgel, die zwischenzeitlich durch ein kleineres Reservoir ersetzt worden waren.


Insgesamt ist die Orgel mittlerweile in einem Zustand, der weit von einer optimalen Nutzbarkeit entfernt ist, was sich vor allem in einem auffallend schrillen Klangbild zeigt.

 

Die daher unbedingt erforderlich gewordene erneute größere Restaurierung wird durch die Firma Klais/Bonn durchgeführt werden. Aufgrund ihrer großen Erfahrung in der Restaurierung von Stumm-Orgeln kann erwartet werden, dass auch die Restaurierung der Orgel in der Ev. Kirche in Selzen unter Berücksichtigung der historischen Gegebenheiten erfolgreich verlaufen wird.